Schlagwort: Ruhrgebiet

  • Deutschland gegen den Uhrzeigersinn – Tag 4

    02.09.2020 Tag 4 – Essen, Zeche Zollverein und Radtour um den Baldeneysee

    Vierter Tag des Urlaubes. Dritter Tag im Wohnwagen. Verschlafen und mit kleinen, müden Augen stehe ich um kurz nach acht auf, um die Sanitärräume aufzusuchen. Es ist ziemlich kalt (ich bin nur in kurzer Hose und Jacke) und noch liegt eine dichte Nebelschicht über dem Campingplatz an der Ruhr. Die Sonne vermag nur zaghaft ihre Strahlen durch den grauen Schleier der Dämmerung zu senden. Das Gras, der Tisch, die Stühle und mein Fahrradsattel sind nass vom Morgentau, welcher mir ein paar kleine neue Nachbarn nahe unserem Wohnwagen offenbart: Zwei Kreuzspinnen haben über Nacht ihr Netz aufgespannt und warten in der Mitte geduldig auf ein armes Opfer was ihr Frühstück werden könnte. Dicke Tautropfen hängen an den einzelnen Fäden und ich wundere mich über den Erfindungsreichtum der Natur, solche fantastische Kreaturen hervorzubringen.

    Kreuzspinne mit Tau

    Oh.. Entschuldigung. Irgendwie bin ich kurz in den Schriftstellermodus verfallen. 😆 Also weiter im Text:

    Nur kurze Zeit später setzte sich die Sonne durch, die Nebelschwaden verzogen sich und blauer Himmel begrüßte uns.

    Blauer Himmel über dem Campingplatz

    Nachdem wir alle drei geduscht haben frühstücken gemütlich wir vor dem Wohnwagen. J. war schon früher wach als S. und ich und hat beim Bäcker auf der anderen Seite der Ruhr ein frisches Brot gekauft. Es war ein Sauerteigbrot mit Sesamkruste und es schmeckte wirklich sehr gut. Der Bäcker hat seinen guten Ruf (Bio, regional usw.) anscheinend zu Recht.

    Zeitig machen wir uns mit dem Auto auf zur Zeche „Zollverein“. Diese war nur etwa 6 km durch vom Campingplatz entfernt und so waren wir nach zwanzig Minuten bereits da. Schon von weitem ist der ikonische Förderturm das ikonische Fördergerüst zu sehen.

    Fördergerüst Zeche Zollverein

    Die Zeche „Zollverein“ wurde 1851 gegründet und bis 1986 wurde an diesem Ort Steinkohle aus bis zu 1.000 m Tiefe (bergmännisch: Teufe) gefördert und in der Kokerei in Koks umgewandelt um anschließend mit Güterzügen direkt zu den Hochöfen des Ruhrgebietes zur Stahlherstellung gebracht zu werden. Seit der Schließung ist man aber, nicht nur in Essen, bemüht den „Strukturwandel“ zu gestalten und positive Effekte für die Region zu erreichen.

    Ruhrmuseum

    Bei Zollverein hat man sich dazu entschieden es zu erhalten, die Böden sind zu verseucht und die Anlage stand schon bei der Schließung unter Denkmalschutz, und für Kunst und Kultur öffnen. So finden sich Galerien, Veranstaltungsräume und Museen in den alten Hallen. Dabei hat man es geschafft das Alte mit dem Neuen gut zu verbinden wie ich finde.

    Treppenhaus im Ruhrmuseum
    Im Ruhrmuseum, alt neben neu

    Wir besuchten als erstes das Ruhrmuseum welches einen wirklich umfassenden Überblick über Geschichte, Kultur, Leben und Entwicklung des Ruhrgebietes gibt. Das reicht von Saurierfunden über die Geschichte der Römer, die Nazizeit, Tierwelt, Leben im Ruhrgebiet damals und heute bis zur Handwerkskunst des Mittelalters oder kirchlichen Reliquien. Mir persönlich hat vielleicht eine rote Linie gefehlt.

    Füchsin und Junges

    Vielleicht hätte man verschiedene Pfade machen können wie „Bergbaupfad“ oder „Steinzeit im Ruhrgebiet“. Knapp drei Stunden verbrachten wir im Museum um anschließend zu Fuß rüber zur alten Kokerei zu gehen wo wir eine geführte Tour gebucht hatten. Diese fand aber erst um 14:30 statt und es war erst 12:30.. Also nutzten wir die Zeit um im Cafe & Restaurant – Kokerei Zollverein zu Mittag zu essen. Ich hatte grobe Bratwurst, Kartoffelstampf mit Speck, Brokkoli und Zwiebelsauce. Lecker wie bei Oma! J. hatte Kartoffelsuppe und S. Currywurst+Pommes, die Ruhrgebietplatte. 😁

    Mittagessen in der Kokerei

    Da anschließend immer noch Zeit war besuchten wir kurz die Ausstellung „SURVIVORS – Faces of Life after the Holocaust„, die kostenlos in der alten Mischhalle der Kokerei zu sehen war. Ich war nicht so in der Stimmung für diese Art von Ausstellung aber beeindruckend waren die Räumlichkeiten: Die alten Vorratsbunker der Mischanlage der Kokerei Zollverein. RIESIGE Trichter in denen Kohle gelagert wurde.

    Ausstellung „Sourvivors“
    Treppenhaus im Trichter
    Treppenhaus im Mischhaus (von oben)
    Wendeltreppe

    Danach startete die Führung am Infokiosk. Ein studierter Führer, ein echtes Essener Original, begrüßte uns und stimmte uns auf die Geschichte der Gegend, der Kohle und den kleinen und großen Problemen des Ruhrgebietes ein. Er erklärte uns beim Durchgehen die Herkunft der Kohle und die Funktion der einzelnen Teile einer Kokerei. Absolut beeindruckend so eine gewaltige Anlage im Stillstand und nach 30 Jahre Verfall zu sehen. Kaum vorstellbar für uns Laien wie dieses Biest bei laufendem Betrieb ausgesehen haben muss. 30 Jahre Betrieb ohne Pause wohlgemerkt! Unfassbar. 😳

    In der Kokerei 2
    In der Kokerei

    Schwer beeindruckt verließen wir danach das Gelände und fuhren nach einem kurzen Einkauf zurück zum Campingplatz. Dort gönnten wir uns eine kurze Pause um dann mit den Rädern ein wenig dem Ruhrradweg in Richtung des Baldeneysees zu folgen. Kurz durch den Ortskern von Werden ging es am Sperrwerk des Sees vorbei und weiter sehr flott und einfach auf ebener Strecke voran.

    Segler auf dem Baldeneysee

    Auf dem See herrschte ein reger Betrieb von Seglern, Ruderern, Kanuten und Stand-Up-Paddlern. Schnell hatten wir ein Viertel des Sees umrundet und nach einem Blick auf die Karte schien eine komplette Umrundung nicht mehr so weit zu sein. Also traten wir in die Pedale und hatten auch bald schon die alte Eisenbahnbrücke erreicht, die für uns das andere Ende des Sees war.

    Blick vom Restaurant auf die Brücke

    An der dortigen Gaststätte beschlossen wir unser Abendessen zu uns zu nehmen, was eine gute Idee war denn dort ist Mittwoch immer Grilltag und wir bekamen so Schweinekotelett bzw. Hähnchenbrustfilet vom Schaugrill. Angenehm gesättigt fuhren wir schließlich auf der anderen Seeseite zurück zum Campingplatz. Leider war diese Seite nicht so nahe am See und nicht so schön von der Aussicht, jedoch genauso gut zu fahren.

    Schacht Carl Funke

    Wir passierten den stillgelegten Schacht Carl Funke und fuhren unterhalb der Villa Hügel zurück. Dort ließen wir den Tag ruhig ausklingen.

    Sonnenuntergang über dem Baldeneysee

    Hinweis: Ich werde die nächsten Berichte etwas kürzer halten müssen, mir fehlt einfach die Zeit so ausführlich zu schreiben wie ich möchte.. 😩

  • Deutschland gegen den Uhrzeigersinn – Tag 3

    01.09.2020 – Tag 3 – Münster -> Haltern am See -> Essen

    Die zweite Nacht im Wohnwagen. Meine erste auf einem Campingplatz überhaupt. Ich habe schon viel besser geschlafen, nur die Planung mit den Toilettengängen in der Nacht muss noch besser werden. 😅

    Nach der Morgentoilette mit Duschen (Duschmünzen, ziemlich kalter Raum) frühstückten wir nett aber bei kühlen Temperaturen um uns danach abfahrbereit zu machen. Noch schnell das Geschirr abgewaschen und los ging es auf die Autobahn in Richtung Haltern am See.

    Legionärshelm

    In Haltern parkten wir direkt vor dem Römermuseum auf dem Parkplatz und gingen als erstes in die Ausstellung. Neben der Ausstellung, also dem eigentlichen Museum, gibt es noch einen Außenbereich. Dort hat man einen Teil des riesigen Lagers wiederaufgebaut, welches die Römer hier vor knapp 2000 Jahren (Um das Jahr 0 herum) errichtet hatten.

    Einen Teil der Lagerbefestigung, Holz/Erdwand mit Wachtürmen, und den Doppelgraben hat man, teilweise mit den Werkzeugen und Techniken von damals, nachgebaut. Beeindruckend dass die Soldaten damals alles vor Ort gebaut und hergestellt haben: Bäume gefällt, Balken gezimmert, Gräben gegraben, Geschirr hergestellt und so weiter.

    Zinnfiguren vs. Asterix und Obelix
    Nachgebaute Wehrmauer der Römer mit Doppelgraben
    Ich und Fritz auf der Wehrmauer

    In der Ausstellung gab es dank Corona keine Führungen aber dafür gratis einen Audioführer auf der Basis von QR-Codes an den Ausstellungsteilen den man mit dem Handy anhören konnte. 👍 Hier stehen aber auch die fast 15.000 (!) Playmobilfiguren die die Sendung mit der Maus für eine Darstellung der Varus-Schlacht (YouTube Teil 1, Teil 2) benutzt hatte. Die Figuren zogen sich über Kopf durch die ganze Austellungshalle. Wahnsinn!

    Zügel und Zaumzeugteile

    Nach dem Besuch des Museums mussten wir in Dülmen noch einen Fahrradladen aufsuchen um eine Ersatzschraube für das Pedal von J. zu finden. Die morgendliche Suche in Münster von J. war leider nicht von Erfolg gekrönt. Er brauchte Schraube B und der Laden hatte nur Schraube A und C da. 😩

    In Dülmen wurden wir dann aber glücklicherweise in einem Laden fündig. Die Schraube gab es, zwar gebraucht, umsonst bzw. gegen eine kleine Spende in die Tageskasse. J. war wieder glücklich.

    Nach einer Fahrt quer durch das Ruhrgebiet kamen wir schließlich am Campingplatz in Essen-Werden an. Leider war es erst 20 nach zwei und der Platz hatte bis drei Uhr Mittagsruhe. So „mussten“ wir also noch eine Mittagsstunde machen bevor wir auf den Platz konnten. 😇

    Beim Aufbau des Wagens fiel dann auf dass jemand (ich 😶) das Anschlusskabel für den Wohnwagen wohl in Münster vergessen hat. Zum Glück gab es an der Rezeption des Campingplatzes welche zum leihen.. Ich werde dann wohl ein neues Kabel kaufen müssen dürfen.

    Nach kurzer Orientierung auf Google-Maps folgten meine Reiseteilnehmer meinem Vorschlag noch mit dem Rad am Rande der Ruhr dem Radweg zu folgen und nach Essen-Kettwig zu fahren, was laut der Bilder sehr idyllisch sein sollte. Die Fahrt war wirklich sehr angenehm und leicht denn der Ruhrradweg führt hier immer direkt am Ufer der Ruhr entlang und hat nur minimales Gefälle (bzw. Steigung). Es war gut etwas los an Jogger*innen und Radfahrer*innen. Aber auch auf der Ruhr war einiges los in Form von Kanuten und Ruder*innen.

    Rudertraining auf der Ruhr
    Malerisch – Ruhrradweg an der Ruhr

    Der Ortsteil Werden bzw. Kettwig ist so überhaupt nicht so wie man Essen erwartet. Nämlich sehr ländlich und grün! Und überhaupt nicht dreckig und laut wie das Stereotyp war. Teilweise waren Bauernhöfe und Weiden entlang des Radweges zu sehen. Einmal sogar ein großer Schwarm Gänse auf einer Wiese.

    Gänse auf der Wiese in Essen

    In Kettwig angekommen liefen wir über die alte Bogenbrücke, ein bisschen an der Ruhr entlang und durch die kleinen Straßen des Ortskerns mit seinen mit Schiefer verkleidet und gedeckten Fachwerkhäusern. Abschließend stärkten wir uns für die Rückfahrt mit einem Schinken-Käse-Toast und einem Getränk (2x König-Pilsner und 1x Aperol-Spritz).

    Kettwiger Mühlengrabenbrücke
    Das wird eng – Hauswand an Haustür

    Wieder fiel uns auf dass es hier anscheinend viel mehr Wespen gibt als bei uns zuhause denn hier vor dem Café und auf dem Campingplatz schwirrten gleich etliche der gelben Gesell*innen herum und störten uns teilweise doch etwas. Sogar eine improvisierte Wespenfalle stand herum und war komplett voll mit toten Wespen.

    Danach fuhren wir den selben Weg zurück zum Campingplatz um die Planung für die nächsten Tage voran zu treiben und uns mit Pestonudeln zu stärken. Eigentlich wollen wir morgen nach Essen auf die Zeche Zollverein aber anscheinend ist online schon alles ausgebucht. Naja wir werden schon etwas mit Bergbau finden. 🙂

    Bis morgen!